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Zeremonie markiert Schritt in die Unabhängigkeit

Prinz oder Prinzessin übergibt das Abschlusszeugnis an staatlichen Hochschulen

Von Birte Bolte-Chuychunu, Uni-Dozentin in Bangkok

 

 

 

Bangkok. Tausende junge Menschen haben sich an ihrer alten Universität eingefunden. Der Grund: Üben für die traditionelle Zeugnisübergabe. Wenn ein Mitglied des Königshauses im Vier-Sekundentakt das Zeugnis vom Helfer gereicht bekommt, um es sogleich dem Absolventen der staatlichen Universität übergeben zu können, muss jeder Schritt sitzen. Keiner darf aus der langen Reihe tanzen. Bei den großen staatlichen Universitäten in Bangkok – Ramkhamhaeng, Chulalongkorn, Thammasat und Kasetsart – erstreckt sich die zeremonielle Zeugnisübergabe über den ganzen Tag.

Die Generalprobe beginnt: In der Tracht der Universität, einer langen, meistens dunklen Robe – ähnlich geschnitten wie ein Richtergewand – werden die frisch gebackenen Absolventen in Reih und Glied formiert. Noch sind Fehler erlaubt – eine Woche später könnten Patzer zu Verzögerungen führen. Die Leitung der Probe hat ein Vertreter des Königshauses. Er ist es auch, der die Rolle des Prinzen oder der Prinzessin übernimmt und das Zeugnis überreicht. Ein Sprecher liest den Namen des ersten Absolventen vor. Er tritt vor. Zeitgleich reicht ein Helfer dem Vertreter des Königshauses das Zeugnis, das sogleich an den Absolventen weitergeleitet wird. Der junge Mann geht einen Schritt rückwärts während schon der Name des nächsten Absolventen ausgerufen wird. Schluss ist erst, bis jeder an der Reihe war.

 

Familie

 

Eine Woche später: Aus der Probe wird Ernst. In aller Frühe fahren die Absolventen zu ihrer Uni – die meisten in Begleitung ihrer Familie. Während sie den ganzen Tag lang an der Zeremonie teilnehmen, müssen die Verwandten draußen warten. Sie verfolgen die Zeremonie am Bildschirm. Etliche Stuhlreihen und Fernseher sind aufgebaut.

Phorntip (47) und Jaran Keawpradit (53) sind mit ihrer jüngeren Tochter für den großen Tag extra aus der südlichen Provinz Songkla nach Bangkok gekommen – eine Reise von mehr als 900 Kilometern. Ihre 22-jährige Tochter hat ihren Bachelor-Abschluss in Betriebswirtschaft gemacht. Um sieben Uhr morgens haben sie bereits das Gelände der Kasetsart Universität betreten. Warum ist die Zeugnisübergabe für sie etwas Besonderes? „Dieser Tag symbolisiert einen Punkt, den man nur einmal im Leben erreicht, und ich freue mich sehr für meine Tochter mit“, sagt die Mutter Phorntip.

 

 

Die Tante der Absolventin, Penpitcha Somakpong (51), wartet gemeinsam mit der Familie auf das Ende der Zeremonie. Auf dem Stuhl neben ihr liegen bereits zahlreiche Blumen und ein weißer Teddy. Penpitcha kennt das Erlebnis Zeugnisübergabe. Vor 29 Jahren hat König Bhumibol Adulyadej ihr das Zeugnis von der Ramkhamhaeng Universität, der größten Universität Thailands, überreicht. Die Tante beschreibt die Emotionen als „Unabhängigkeitsgefühl“. „Meine Familie hat mich bis zu dem Zeitpunkt finanziert, doch mit dem Abschluss konnte ich selbst arbeiten. Ich habe meine Eltern nicht mehr belastet“, sagt die heutige Chefin eines Chemie-Unternehmens. Das Foto der Zeugnisübergabe durch den König hängt in ihrem Wohnzimmer: „Damit jeder Gast es sieht“, erzählt sie. Doch dieses Bild ziert nicht nur ihre Wand: Es ist eines von vielen im Haus ihres Vaters. „Mein Vater hat sich die Fotos der Universitäts-Zeugnisübergaben aller Kinder und Enkelkinder an die Wand gehängt“, sagt Penpitcha. Bald folgt ein weiteres Bild, das ihre Nichte und die Tochter des Königs, Prinzessin Julaporn, zeigt.

Noch dauert es ein paar Stunden, bis die junge Absolventin ihrer Familie von dem Moment der Übergabe berichten kann. Die Feier erfolgt am nächsten Tag. „Heute möchten wir uns erholen, aber morgen gehen wir in ein schönes Restaurant. Wir haben schon für zwölf Leute reserviert“, sagt die Mutter der jungen Absolventin.

Außerdem habe ich mir einen Reisesprachführer „Thai“ gekauft. Man kommt zwar meistens sehr gut mit Englisch zurecht, allerdings sobald man weiter weg von den Touristenzentren ist, dann kann das schon mal hilfreich sein. Außerdem freuen sich die Thailänder sehr, wenn ein „falang“ – so nennen sie die Westler – ein paar Wörter Thai sprechen können.

Ein paar Stuhlreihen weiter sitzt seit acht Uhr die Familie Polthiseng. Voraussichtliches Ende der Zeremonie: 18 Uhr. Die Eltern, Thongjon (50) und Sanong (52), sind zusammen mit der großen Tochter und der kleinen Schwester des Vaters aus einer 70 Kilometer entfernten Provinz nach Bangkok gefahren. Sie sind überglücklich und stolz auf ihre Tochter Patumrat. Die 22-Jährige hat ebenfalls Betriebswirtschaft studiert. Der Vater Thongjon sieht die Zeremonie als etwas Einmaliges an: „Andere Feierlichkeiten hat man selbst in der Hand. So feiert man Hochzeit dann, wenn man bereit dafür ist.“ Die Zeugnisübergabe erfolge dagegen nur nach harter Arbeit und fleißigem Lernen. Geschenke spielen bei dieser Feierlichkeit keine Rolle. „Mein großes Geschenk war die Finanzierung des Studiums. Heute gibt es von der Familie nur noch Kleinigkeiten“, sagt der Vater Thongjon. Noch am Abend möchte die Familie zusammen nach Hause fahren. Doch vorher isst sie im kleinen Kreis in einem schönen Restaurant zu Abend.

 

student

 

Es ist noch früh am Nachmittag, doch Chutimaporn Charuchinda (23) hat ihre Zeremonie bereits hinter sich. Sie hat an der Hochschule für Krankenpflege im Norden Thailands studiert. Insgesamt etwa 300 Studenten sind an der Fakultät der Universität Chiang Mai eingeschrieben – zu wenig, um die Zeremonie auf dem eigenen Campus abhalten zu können. Stattdessen haben sie und ihre ehemaligen Kommilitonen das Zeugnis in Bangkok von Prinzessin Soamsavali, der ersten Ex-Frau des Königssohnes, überreicht bekommen. Sie sei sehr aufgeregt gewesen, aber auch gleichzeitig froh, es geschafft zu haben, sagt sie. „Am schönsten ist für mich allerdings, dass ich meine Eltern glücklich machen konnte“, ergänzt die Krankenschwester. Viel Zeit in Bangkok bleibt ihr nicht. Aufgrund eines Stipendiums hatte sie bereits vor Beginn einen Arbeitsplatz in einem staatlichen Krankenhaus in ihrer Heimat Udon Thani im Nordosten sicher. „Morgen muss ich wieder arbeiten“, sagt sie.

 

Quelle: Siam heute, Ausgabe 2/2009, April-Juni 2009, Bilder: Chuychunu. Herzlichen Dank für die Genehmigung zur Wiedergabe auf Studyinthailand.org!

 

 

 

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